"Wo die Geste entscheidend ist"

Chœur3 – die neue trinationale Chorakademie
Da stoßen nationaler und europäischer Gedanke aufeinander. Und genauso ist es auch gedacht und gewollt. Wenn der Freiburger Bachchor am Samstag sein Sommerfest mit einer musikalischen Rundreise durch die Alte Welt begeht, wird seinem Leiter Hans Michael Beuerle die Ehre des Bundesverdienstkreuzes am Bande zuteil. Dem langjährigen Spiritus rector des Bachchors und emeritierten Musikhochschulprofessor war es, wie er sagt, besonders wichtig, dass die Verleihung im Beisein seiner Sängerinnen und Sänger stattfinde, weil sie gerade auch ihnen und ihrem Engagement gelte.

Der europäische Gedanke ist es auch, der Pate stand bei der aktuellen, von Beuerle maßgeblich mitinitiierten trinationalen Chorakademie. Vor wenigen Tagen wurde als Basis dafür ein gemeinnütziger Trägerverein gegründet – der Name des Projekts ist symbolisch: Chœur3, grenzübergreifende Akademiearbeit zwischen den drei Anrainerregionen Südbaden, Elsass und Schweiz. Ziel und Zweck lassen sich auf eine einfache Formel bringen: Austausch künstlerischer Ressourcen.

Wohlwollende Signale vom Kunstministerium
s"Jede Geschichte", sagt Hans Michael Beuerle, "beginnt mit Menschen. Und nicht abstrakten Ideen." Die Menschen, die die Idee einer institutionalisierten Zusammenarbeit gebaren, waren neben ihm der Basler Chorleitungs-Professor Raphael Immoos, Catherine Fender, die künstlerische Leiterin des Chores Atelier Vocal d’Alsace und Denis Haberkorn, der Direktor des elsässischen Vereins für Stimmkultur Mission Voix Alsace. Deren in unterschiedlichen, zunächst meist bilateralen Projekten begründete Zusammenarbeit seit 2005 war gewissermaßen die Ouvertüre zu Chœur3. Beuerle schwärmt von der wunderbaren Atmosphäre bei Meisterklassen im Elsass, von der hohen Qualität der semiprofessionellen Teilnehmer. Und die Sprachbarrieren? Die seien erstaunlicherweise durch die Musik sehr gering gewesen, denn: Beim Dirigieren sei "die Geste entscheidend – und nicht das Wort." Sie sei genauer und spreche in jeder Sprache an. "Geste et son" – Klang und Geste wird auch eine internationale Akademie im Oktober überschrieben sein, die vierte dieser Art mittlerweile. Projekte wie diese sollen künftig unter dem Dach von Chœur3 laufen, denn eine Zusammenarbeit über drei Nationen hinweg bedarf eindeutiger Strukturen. Stichwort Finanzierung.

Die soll sich im September in einer gemeinsamen Koordinationsrunde vollends klären. Bisher gibt es sehr wohlwollende Signale vom Kunstministerium aus Stuttgart, verbunden mit dem Vorschlag, die Finanzierung des Projekts trinational abzusichern. Die Verantwortlichen bei Chœur3 haben diese vorerst über Anträge bei Stiftungen und Sponsoren angeschoben. Mit anderen Worten: Förderer und Geldgeber sind willkommen.

Dass von einer kontinuierlichen Zusammenarbeit alle profitieren – davon ist Beuerle überzeugt. Das hätten die Projekte bisher gezeigt, zumal vor dem Hintergrund einer sehr unterschiedlichen Chorleiter-Ausbildung etwa in Deutschland und Frankreich. Und auch hier setzt er auf Internationalität. Und Bescheidenheit: "Ich merke, wie viel wir von den Franzosen lernen können."
(Alexander Dick, Badische Zeitung 20.07.2012)